Im Herbst 2022 veröffentlichte Caris Hermes ihr erstes Album unter eigenem Namen – ein eindrucksvolles Debüt, reich an Stimmungen, feinen Nuancen und melodischen Capricen. Ihr Trio mit Billy Test (Klavier) und Niklas Walter (Schlagzeug) hatte die Bassistin um Gäste wie Martin Sasse, Andy Haderer und Paul Heller ergänzt und beeindruckte zugleich als Solistin, Teamplayerin und Komponistin. „Der Kontrabass ist für mich so etwas wie ein bester Freund“, sagte sie einmal. „Ich mag seinen Sound, diese Wärme, die ich zu einer Band oder zu einem Stück hinzufügen kann.“
Für ihr Debütalbum wurde Caris Hermes mit viel Lob bedacht – und mit dem renommierten WDR Jazzpreis 2024 ausgezeichnet. Besonders lobte die Jury „ihre stilistische Unvoreingenommenheit, ihre rhythmische Beweglichkeit sowie ihre Freude am Zusammenspiel“. Und nun folgt das Sahnehäubchen obendrauf: Bereits vor der offiziellen Preisverleihung am 14. März 2024 im Bonner Pantheon Theater und anschließender Tour gingen Caris Hermes und die WDR Big Band ins Studio 4 des Westdeutschen Rundfunks in Köln. Das Ergebnis ist ein kleines Meisterstück: das Big-Band-Album „Rise“.
„Dass ich die Tiefe meiner Bassposition nun in eine Big Band einfügen kann, ist eine sehr coole Kombination“, freut sich Caris Hermes. Zwar spielte sie auch früher schon mit der WDR Big Band, diesmal aber war es etwas ganz Besonderes. Gleich fünf ihrer Eigenkompositionen, die auch auf ihrem Debütalbum zu finden sind, wurden von Big-Band-Leiter Steffen Schorn fürs große Orchester arrangiert, darunter mit „Abeyance“ und „Twelve for J.“ zwei ihrer betörend schönen Balladen. Mit „Extraordinary People“ gibt es sogar noch ein sechstes Stück, live aufgenommen in einem Arrangement der Posaunistin Carla Köllner.
„Rise“ ist in weiten Teilen das Gemeinschaftswerk von Caris Hermes und Steffen Schorn, der ihre Kompositionen in hinreißende Orchester-Klangfarben von fein ziselierter Pracht und Schönheit verwandelt. Caris Hermes: „Steffen Schorn hat das, was ich geschrieben habe, sehr behutsam und respektvoll erweitert. Natürlich bringt er seine eigene, unverwechselbare Handschrift ein, hat aber doch viele meiner Ideen beibehalten. So kann man meine Stücke komplett hören, nun durch diese wunderbaren Bläsersätze bereichert.“ Auch für Schorn ist „Rise“ nicht die erste Zusammenarbeit mit der WDR Big Band, gleichwohl ließ der Jazzbläser, Komponist, Arrangeur und Bandleader den großen Klangkörper selten eindrucksvoller klingen und schwingen als hier.
In mancher Hinsicht kehrt die WDR Big Band mit „Rise“ zu ihrer Kernkompetenz zurück: Inspiriert von Caris Hermes und Steffen Schorn, groovt und swingt das Orchester in famoser Straight-Ahead-Manier, wechselt vom süffigen Klanggewitter („Blues No. 1“) souverän zu ausgefeilten, balladesken Momenten („Abeyance“). Danach reiht sich eine solistische Glanzleistung an die nächste, aufgezogen wie Perlen auf einer kostbaren Halskette – die wie eine respektvolle „Liebesgabe“ an ihre Bassistin wirkt.
Ausgangspunkt der meisten Tongemälde sind Caris Hermes’ Eigenkompositionen. „Zu allen Stücken“, sagt sie, „die ich geschrieben habe, gibt es immer eine Geschichte. Entweder habe ich ein Lebensereignis verarbeitet oder möchte jemandem eine Botschaft vermitteln und das, was ich dabei gefühlt habe, weitergeben. Natürlich freut es mich, wenn jemand dabei etwas Ähnliches empfindet.“
„Delighted“ eröffnet das Album mit einer verträumten Melodie, vorgetragen wie auf einem Sommerspaziergang. Was am klanglichen Wegrand erblüht, ist herrlich. Wuchtige Tutti erhöhen die Intensität des Themas bis zu Paul Hellers „wildem“ Saxofon-Solo, fein geschichtete Bläsersätze behandeln die liebreizende Melodie selbstbewusst, aber mit großer Zuneigung. „Twelve for J.“, ein Stück, mit dem sich Caris Hermes vor ihrem Mentor John Goldsby verbeugt, wird von ihrer eigenen, empathischen Einleitung sowie ihrem Solo geprägt. Die Big Band schmückt die Melodie mit hellen Farben, jubilierenden Flöten und einem feinen Klaviersolo von Billy Test, bevor sie zum Kontrabass zurückkehrt – ein Gänsehaut-Moment, wie er sich im Lauf des Albums immer wieder einstellt. Etwa in „Blues No. 1“ mit fernen Henri-Mancini-Anleihen, sonoren Tieftönern und viel Blues-Feeling, oder im balladesken „Abeyance“ mit „‘Round-Midnight“-Träumerei und großem Hollywood-Orchester oder in „A Special Living Soul“ mit leichtem Latin-Touch, süffigen Soli von Ludwig Nuss, Johan Hörlén und Ruud Breuls, viel finaler Power und einem winzigen „Sax No End“-Moment.
Noch etwas Besonderes zeichnet „Rise“ aus: die Sängerin Maika Küster. Gleich zu Beginn, in „Delighted“, ist sie die Protagonistin, die mit ihrer Stimme und ihrem wortlosen Gesang zum Flanieren einlädt, während sie in „A Special Living Soul“ wie ein kleines Streicherensemble anmutet, mal als Gegenentwurf zur Posaune, mal im hymnischen Einklang mit den hellen Blechbläsern. Ein Solitär ist Maika Küsters Eigenkomposition „Wyan“: Ursprünglich konzipiert für ihre Band Maika, erzählte die Sängerin dort in einem „fetten“ Mix aus Streichern und Synthesizer-Einschüben von Liebe, Freundschaft und Solidarität, nun, auf „Rise“, verdichtet sich der Song zu einer völlig neuen Klangtextur.
Im Arrangement von Benedikt Ter Braak wird Maika Küster eingangs allein vom Bass begleitet, bevor sich die Bläser mit stilvollen Arabesken einbringen und das Stück dank Schlagwerk und Tieftönern kurz zum klassisch modernen Orchesterwerk anschwillt – und alles abrupt abbricht und zur Melancholie von Stimme und Bass zurückkehrt. Was aber nicht das Ende ist: Steffen Schorn bläst auf der Kontraaltflöte eine unfassbar schöne Passage, die bereits kurz zu Beginn zu vernehmen war und nun magisch dahinfließt, bis sich ihr Klang irgendwo im Nichts auflöst. Ein Meisterstück – eine Klangwelt für sich.
Doch „Wyan“ bildet noch nicht den Schlusspunkt dieses außergewöhnlichen Big-Band-Albums, das erst mit Caris Hermes’ Verbeugung vor all den „Extraordinary People“ auf ihrem Album schließt. „Ich bin immer neugierig, neue Künstler*innen kennenzulernen“, sagt sie, „und ja, ich höre gerne sehr unterschiedliche Musik. Neugierig zu bleiben, ist das Wichtigste, wenn man Musikerin oder Musiker ist. Und am Ball bleiben, sich den Spaß an der Sache bewahren.“ Mit „Rise“ löst Caris Hermes all dies auf beeindruckende Weise ein.